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Vorwort

«Es ist nicht ausgeschlossen, daß, wenn wir unsere Aufgabe als Menschen, das heißt als Schöpfer, nicht erfüllen, die dialektische Überschreitung sich nicht vollzieht, daß allein durch die Last der Vergangenheit die Geschichte verkommt, daß die Widersprüche, die die Welt des Kapitals untergraben, anstatt eine geschichtliche Lösung zu finden, zu Konflikten führen, die auf dem aktuellen Entwicklungsstand der Technik und der vom Menschen erreichten Zerstörungsgewalt mit einem ,Umschlagen, der Evolution, mit der Zerstörung des Lebens enden können. Nichts geschieht ohne uns.

(Roger Garaudy: Marxismus im 21. Jahrhundert)

Wir sind geneigt, technologische und ökonomische Bedingungen als objektive Gegebenheiten hinzunehmen, aber diese Gegebenheiten sind menschliche Schöpfungen und unterstehen als als solche dem menschlichen Willen. Sie können uns nur zerstören, wenn wir es zulassen, wenn wir die Kräfte, die wir entfesselt haben, ihre eigenen Wege gehen lassen, wenn wir die Macht in die falschen Hände legen. Das Versagen der Demokratie in einer hochentwickelten Gesellschaft wäre das Versagen des menschlichen Willlens.

(Wolf Zuelzer: Selbstzerstörung der Demokratie?)


Ich dachte mir, dass es einfacher wird, wenn ich meine Erfahrungen einbringe und zusammen mit euch zurückblicke, um unsere Erfahrungen von damals als Zeitzeuge zugänglich zu machen. Schließlich hatte ich ja schon einige Autor:innen gelesen und zitiert, die sich bereits in den 1970er und 1980er Jahren darüber Gedanken gemacht haben. Doch meine Recherche eröffnete mir einen völlig neuen Horizont: Einerseits wurde mir bewusst, wie detailliert unser „Jetzt“ damals beschrieben wurde, andererseits fragte ich mich, was aus den Autor:innen geworden ist und wo ihre Werke und Analysen in konkreten politischen Handlungen widergespiegelt wurden. Warum wurden sie ins Vergessen getrieben? Waren es Menschen wie ich, einfach nur Demokratienerds? War es eine verschrobene Gemeinschaft, die diese Bücher geschrieben und gekauft hat, die sich mit diesem Rüstzeug in den verzweifelten Kampf begeben hat?

Es scheint so. Doch nun, da wir sehen, wie wahr all diese Werke waren, da der Faschismus heute wieder seine ideologische, hochinfektiöse Pestilenz über die Welt verbreitet, keimt bei mir so etwas wie Hoffnung auf. Ich bin ja ohnehin ein positiver Pessimist und verkläre die Realität nicht mit Hoffnungsphrasen. Für mich ist das Glas halb leer, und ich halte eben nicht auch noch die andere Wange hin. Dieser rosarote Optimismus liegt mir fern, denn er ist Kleister, der uns erstarren lässt, wo Revolution angesagt ist. Wenn ich ein volles Glas Wasser brauche, dann ist ein halbes Glas keine Option. Die Reaktion „Sei doch froh, dass du ein halbes hast!“ ist für mich Hohn und Spott. Das halbe Glas ist eine besondere Form des Defätismus.

Die Realität ist klar und deutlich. Man könnte sie mit dem Schlusskapitel der nordischen Mythologie beschreiben. Wir leben im Ragnarök, dem Endkampf zwischen Riesen und Göttern, in dem die Einherjer, die Menschen, auf der Seite der Götter stehen. Wie nah diese Mythologie uns doch ist, wenn wir lesen, dass ein Feuerriese die Heimstatt der Götter vernichtet.

Der anthropogene Klimawandel ist nach dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technologie nicht mehr aufzuhalten. Wir marschieren stramm auf eine globale Erwärmung von 2,5 bis 3 °C zu. Doch wo wären wir, wenn wir nicht dennoch Hoffnung in uns tragen würden? Dann könnten wir uns zusammensetzen, ein gutes Glas Rotwein in der Hand, und über alte Zeiten schwärmen, während wir dem Untergang zusehen.

Wer wären wir, wenn wir uns nicht dem fauligen Atem der faschistischen Pestilenz entgegenstellen würden?

Den Reaktionären von der AfD und der CDU/CSU, die so gerne von nationalem Stolz und deutscher Kultur schwafeln, setze ich Friedrich Schiller und seine 1785 verfasste Ode an die Freude entgegen.

Denn genau das müssen wir dem stinkenden Atem der Reaktion entgegensetzen: die Freude am Leben, die Freude an der Zukunft gegen den Hass der Vergangenheit, die Lust an der Zerstörung. Wir sollten Schillers Ode an die Freude in Gänze lesen.


An die Freude
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.
Chor
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.
Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wers nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!
Chor
Was den großen Ring bewohnet,
Huldige der Sympathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der Unbekannte thronet.
Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.
Chor
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such ihn überm Sternenzelt,
Über Sternen muß er wohnen.
Freude heißt die starke Feder
In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
In der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
Die des Sehers Rohr nicht kennt.
Chor
Froh, wie seine Sonnen fliegen,
Durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig wie ein Held zum Siegen.
Aus der Wahrheit Feuerspiegel
Lächelt sie den Forscher an.
Zu der Tugend steilem Hügel
Leitet sie des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
Sieht man ihre Fahnen wehn,
Durch den Riß gesprengter Särge
Sie im Chor der Engel stehn.
Chor
Duldet mutig, Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
Wird ein großer Gott belohnen.
Göttern kann man nicht vergelten,
Schön ists, ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut soll sich melden,
Mit den Frohen sich erfreun.
Groll und Rache sei vergessen,
Unserm Todfeind sei verziehn,
Keine Träne soll ihn pressen,
Keine Reue nage ihn.
Chor
Unser Schuldbuch sei vernichtet!
Ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Richtet Gott, wie wir gerichtet.
Freude sprudelt in Pokalen,
In der Traube goldnem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut – –
Brüder, fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:
Dieses Glas dem guten Geist.
Chor
Den der Sterne Wirbel loben,
Den des Seraphs Hymne preist,
Dieses Glas dem guten Geist
Überm Sternenzelt dort oben!
Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen –
Brüder, gält es Gut und Blut, –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!
Chor
Schließt den heilgen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem goldnen Wein:
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!
Rettung von Tyrannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!
Auch die Toten sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
Und die Hölle nicht mehr sein.
Chor
Eine heitre Abschiedsstunde!
Süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!

https://www.friedrich-schiller-archiv.de/gedichte-schillers/highlights/an-die-freude/

Also beginnt damit, euch zu vernetzen – beginnt in eurem Ort! Es genügt, wenn sich ein oder zwei Menschen treffen und so beginnen, wie es in diesem Flashmob dargestellt wird.


Diese Texte können von allen benutzt werden, sofern der Autor, die Homepage und die Internetadresse, wo der Artikel zu finden ist, genannt werden.




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