Die Wahrheit – Teil 1

Die Wahrheit – Teil 1
7–11 Minuten
1.729 Wörter

Wie wäre es denn mal mit der Wahrheit?

Es ist in den letzten Jahrzehnten zu einem standardisierten Ritual geworden. Da steht der geschundene Wahlverlierer vor der Kamera und erklärt:

„Wir haben verstanden“, um im nächsten Satz zu erklären, dass es die Wähler:innen waren, die es nicht verstanden haben. Dabei ist es doch so einfach: Damit es vorangeht und der Wohlstand gehalten werden kann, muss die Masse der Menschen auf Wohlstand und Sicherheit verzichten.

Da die Politik nicht in der Lage ist, angemessene Mieten zu garantieren, muss das Wohngeld eben gekürzt werden. Weil seit Jahrzehnten versäumt wurde, die Rentenversicherung auf eine solide Basis zu stellen, müssen die Menschen länger arbeiten und mit weniger Rente auskommen. Und nun kommt am 8. September 2026 das Ergebnis des neuen PISA-Tests, und alle werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Natürlich werden wieder die Kinder der Ausländer:innen schuld sein.

Wir haben viele ausländische Mitbürger im Haus wohnen. Ich sehe diese Kinder, die unser Bildungssystem angeblich so belasten, und höre, wie sie sich in drei Sprachen unterhalten. Sie wechseln in einem Gespräch von Arabisch ins Deutsche und dann ins Englische. Doch das ist auch gar nicht das Thema, auf das ich hinaus will.

Es geht um eine Wahrheit, die jeder weiß und spürt, die uns seit 50 Jahren begleitet, die wir aber nicht sehen wollen. Jeder, der sie erwähnt, wird wie von Dämonen besessen behandelt. Wie offensichtlich die Wahrheit ist, sehen wir daran, dass nun eine Partei nach der Macht greift, die den Menschen erklärt, sie könnten die Wahrheit verschwinden lassen. „Alles wird gut und alles ist möglich.“

So lapidar, so primitiv und doch so wirkungsvoll. Obwohl die Wahrheit sich nicht mehr verbergen lässt und uns schon lange mit der Peitsche verfolgt, uns schlägt und brüskiert. Wir versuchen, sie zu verdrängen und unsere Schmerzen anderen in die Schuhe zu schieben. Und doch sind wir es allein, weil wir diese nervige, schonungslose und brutale Wahrheit nicht sehen wollen.

Die Wahrheit ist ein Spiegel, und was wir in diesem Spiegel sehen, wollen wir nicht sehen.

„Zum ersten mal in der Geschichte hängt das physische überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab ! „

So hat es Erich Fromm in seinem Buch „Haben oder Sein“ (Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart 1981, S. 21) formuliert. Ein Satz, einfach und lapidar, und doch so bedrohlich für die Menschen, dass sie vor ihm flohen. Und heute hat uns dieser Satz eingeholt. Heute müssen wir mit den Konsequenzen unserer Flucht vor ihm leben. Unser physisches Überleben ist bedroht, weil wir diesen Satz nicht hören wollten. Die Sommer werden jedes Jahr heißer, die Erde wird jedes Jahr wärmer, die Meere werden jedes Jahr wärmer, jedes Jahr sterben mehr Menschen an der Hitze, die Produktivität bricht zusammen, der Güterverkehr stockt und die Dürren werden extremer und was ist die Reaktion der Politik und der Menschen?

Kommen wir zu den nächsten Sätzen:

„Wenn sich die gegenwärtigen Entwicklungstendenzen fortsetzen, wird die Welt im Jahr 2000 noch überbevölkerter, verschmutzter, ökologisch noch anfälliger sein als die Welt, in der wir heute leben. Ein starker Bevölkerungsdruck, ein starker Druck auf die Ressourcen und Umwelt lassen sich deutlich voraussehen. Trotz eines größeren materiellen Outputs werden die Menschen auf der Welt in vieler Hinsicht ärmer sein, als sie heute sind.“

Diese Erkenntnis stammt aus dem Bericht an den amerikanischen Präsidenten, der unter dem Titel „Global 2000“ berühmt geworden ist (Global 2000, Bericht an den amerikanischen Präsidenten, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt, S. 25). Jimmy Carter, der damalige US-Präsident, hatte ihn in Auftrag gegeben, und er wurde 1980 veröffentlicht.

Auch das wurde verdrängt, verworfen und sofort bekämpft. Auf Jimmy Carter folgte Ronald Reagan und alles wurde dem Vergessen anheimgestellt.

Und heute erklären uns Politiker, dass wir verzichten und ärmer werden müssen, um reicher zu bleiben. Ja, wenn man es so formuliert, klingt es in der Tat bekloppt. Doch Friedrich Merz, der am 11. September 2026 immer noch Bundeskanzler ist, erklärt es eben so. Doch es funktioniert eben nicht mehr, der Nimbus der Wirtschaftspartei löst sich in das auf, was er immer war: Schall und Rauch. Er wird nun von Potemkinschen Dorferzählungen verdrängt. „Alles wird gut, alles ist möglich!“ Nicht mehr eine vorgetäuschte Kompetenz, sondern Märchen und Fabeln übernehmen den politischen Mainstream: Erzählungen über eine Vergangenheit, die es nie gab und die nun die Zukunft sein soll.

„Alles wird gut, alles ist möglich, früher war alles besser.“

Doch wo bleibt die Wahrheit?

Und damit kommen wir zu unseren vermeintlichen Rettern, die sich wundern, warum die Menschen sich nicht von ihnen retten lassen wollen. Die größte „Rettungspartei“ hat sich zur Jahrtausendwende verabschiedet und ist ins Lager der Wanderprediger gewechselt, die Verzicht predigen, um Wohlstand zu erlangen. Sie sprechen von Deutschland und vergessen, dass hier Menschen wohnen. Ja, die SPD hat sich verabschiedet und sich den Zauberumhang umgeworfen. Alle magischen Gegenstände müssen einen Namen haben, das liegt im Zauber der Magie. Der Zauberumhang der SPD heißt „Ohne uns wäre es noch schlimmer gekommen“. Das ist nun die Erzählung der einstmals so stolzen Sozialdemokratie. Doch die Menschen fragen sich: Wie schlimm soll es noch werden, wenn es schon so unerträglich schlimm ist? Seit Jahrzehnten brüten die Parteistrategen darüber, wieso die Menschen sich abwenden.

„Alles wird gut, alles ist möglich, früher war alles besser“

So tönt es aus den Flöten der Rattenfänger. Mehr müssen sie gar nicht machen. Denn die Zukunft wurde seit über 50 Jahren verschlafen. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Tja, und das Fleisch aus dem Fleisch der SPD sind die Grünen und die Linke. Auch sie haben sich im Dickicht der Lüge verlaufen. Irgendwann wird die Wahrheit so mühselig, weil sie so brutal, so nackt und glanzlos ist. Es zermürbt, immer als Spinner dazustehen. Die Kameras, die Fernsehstudios und die großzügigen Alimente verlocken.

Wenn Sie sich vernünftig kleiden, können wir miteinander reden. Ja, am 29. März 1983 haben wir die Grünen im Parlament sofort erkannt. Heute müssen wir schon bei manchen Grünen genau hinhören, um sie nicht zu verwechseln. Ein Cem Özdemir hat zwar noch mal gewonnen, doch zu welchem Preis? Die grüne Autopartei? Der parlamentarische Erziehungszwang wirkt. Und dann ist da noch diese verdammte Möhre, die einem immer vor die Nase gehalten wird. Wenn ihr euch ein bisschen anpasst – nicht viel –, dann beschließen wir auch mal etwas, das euch wichtig ist. Nichts Weltbewegendes, aber ihr habt dann auch mal ein Erfolgserlebnis.

Es ist wie bei diesem Ameisenlöwen. Die Larve buddelt sich im feinen Sand ein und es entsteht ein Trichter. Rutscht jetzt eine Ameise, die bevorzugte Speise des Ameisenlöwen, in diesen Trichter, so verhindert der feine Sand, dass sie sich wieder befreien kann. Sie rutscht immer tiefer.

In der Politik gibt es viele solcher Fallen, die wie Treibsand wirken, und einmal hineingeraten, kommt man kaum noch heraus.

Warum sind unsere „linken Retter“ dann so erfolglos? Warum tappen sie in diese Fallen, warum kommen sie nicht voran und warum scheitern sie, wenn sie es doch einmal an die Spitze schaffen?

Es hängt an dieser vermaledeiten Wahrheit. Man wusste ja, worauf man sich eingelassen hat – im besten Fall. Doch nun, wo man etwas bewegen könnte, steht sie da: die nackte Wahrheit, bewaffnet mit einer Peitsche, nackt und grimmig. Will man ihr nun folgen, im Augenblick des Triumphs neben ihr auf den Balkon der Macht treten und sich dem jubelnden Volk zeigen?

„Es genügt nicht mehr, vom Sozialismus so zu sprechen, als verstehe sich von selbst oder dass er notwendig ist. Diese Notwendigkeit wird nicht mehr erkannt. Heute muss die sozialistische Bewegung genau sagen, was der Sozialismus bringen, welche Probleme er allein lösen kann und wie er sie lösen kann… zugleich eine positive umfassende Alternative zu formulieren und die „vermittelnden Ziele“ zu bestimmen, die heute schon den Sinn und den Inhalt dieser umfassenden Alternative greifbar machen sollen.“

Diese Erkenntnis schreibt der französische Philosoph André Gorz in seinem Buch „Zur Strategie der Arbeiterklasse im Neokapitalismus“ (Europäische Verlagsanstalt, 1967, S. 9) ins Aufgabenheft der linken Bewegungen. Weg mit der Lüge, her mit der Wahrheit! Stellt euch neben die nackte Wahrheit und entreißt der Lüge die Kleider, die sie der Wahrheit gestohlen hat. Akzeptiert das der Proletarier inzwischen mehr zu verlieren hat als seine Ketten. Die Ketten sind nicht mehr dicke ehernen Fesseln, sonder filigrane Fäden aus Konsum und Krediten, nicht mehr so schwer aber wesentlich stabiler.

Friedrich Engels erkannte schon zu seiner Zeit:

„Der mechanische Apparat einer großen Fabrik ist um vieles tyrannischer als es jemals die kleinen Kapitalisten gewesen sind, die Arbeiter beschäftigten. Wenn der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft und des Erfindergenies sich die Naturkräfte unterworfen hat, so rächen sich diese an ihm, indem sie ihn, in dem Maße, wie er sie in seinen Dienst stellt, einem wahren Despotismus unterwerfen, der von allen sozialen Organisationen unabhängig ist.“

Wir alle kennen die Wahrheit, doch nur wenige haben den Mut, sie zu verbreiten. Denn wer die nackte und schonungslose Wahrheit präsentiert, wird gehasst. Warum? Weil er den Vorhang der sanften Gemütlichkeit der Ignoranz beiseitewischt, weil er den Menschen erklärt, das sie ihr Leben auf einer Lüge aufgebaut haben. Weil er die Menschen mit der Zukunft konfrontiert, vor der alle Angst haben.

Lieber das, was wir gerade haben. Lieber noch an einen Strohhalm festhalten, nur um diese Zukunft nicht zu erleben, dann lieber die Vergangenheit.

Die Wahrheit ist unerbittlich und die Konsequenzen, sie zu ignorieren, katastrophal.

„Alles wird gut, alles ist möglich, früher war alles besser“

Ja, es ist schwer, dieser Lüge etwas entgegenzusetzen. Doch eines habe ich in meinem Leben gelernt. Letztlich setzt sich die Wahrheit immer durch.

Wir müssen die Lügen der Rechten mit der Wahrheit bekämpfen und den Menschen mit einer Zukunftserzählung wieder Lust auf die Zukunft machen – und nicht auf eine frei erfundene Vergangenheit.

Wir müssen den Menschen sagen, dass es in ihrer Entscheidung liegt, wie das Leben der zukünftigen Generationen aussehen wird. Wir müssen ihnen sagen, dass es, so wie es heute aussieht, eine elende Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder geben wird: eine Zukunft voller Hunger, Dürren, Fluten, Extremwetterkatastrophen und riesigen, unvorstellbaren Völkerwanderungen.


Diese Texte können von allen benutzt werden, sofern der Autor, die Homepage und die Internetadresse, wo der Artikel zu finden ist, genannt werden.

Recherche und Text: Günter Biernoth
Korrekturlesen KI: DeepL
Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wahrheit_steigt_aus_dem_Brunnen überarbeitet



Quellen:

Die ökosozialistische Gesellschaft – eine konkrete Utopie
Wissenschaftliche Hausarbeit vom Autor an der Sozialakademie in Dortmund 1982

Fromm,Erich, Haben oder Sein, Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart 1981
Global 2000, Bericht an den amerikanischen Präsidenten, Verlag Zweitausendeins Frankfurt
Gorz, André , Zur Strategie der der Arbeiterklasse im Neokapitalismus, Europäische Verlangsanstalt, 1967
Strasser / Traube, Die Zukunft des Fortschritts, Verlag Neue Gesellschaft GmbH, Bonn 1981


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