Wie CDU/CSU schon immer und AfD heute die Deindustrialisierung forciert haben
Die Entscheidungen der Regierung im Bereich Energie, Wärmeerzeugung und Autoantriebe seit ihrem Amtsantritt reihen sich in die Entscheidungen von CDU, CSU und SPD seit Jahrzehnten ein. Doch heute haben wir ein globales Problem. Es gibt inzwischen genügend Schwellenländer, die sich auch im Technologiebereich engagieren.
Während die schwarz-rote Regierung also in den Bereichen Windkraft, Solarenergie, Wärmepumpen und E-Mobilität mal wieder ins 20. Jahrhundert zurücksteuert, entwickelt Uganda beispielsweise einen elektrischen Bus. Von China, wo dieses Jahr regelmäßig die Sektkorken knallen, wenn die Regierung mal wieder Technologie aus dem 19. Jahrhundert unterstützt, braucht man gar nicht erst zu sprechen. China hat schließlich bereits von der Zerstörung der deutschen Solar- und Windwirtschaft profitiert – man hat eben vom Besten gelernt. Deutschland hat seine Technologieführerschaft aus ideologischen Gründen einfach aufgegeben. Daimler hatte eine exzellente Entwicklungsabteilung für Elektromobilität, die mit einer kleinen Firma namens Tesla zusammengearbeitet hat. Doch wer die Zukunft in der Vergangenheit sieht, wickelt seine Elektroforschung ab und schenkt sie mehr oder weniger dem kleinen Partner.
Das ist ein deutsches Problem: Diese Hybris, allein mit dem Stempel „Made in Germany“ auf der Welt mitspielen zu können. Ja, das hat auch eine Zeit lang gut funktioniert. Doch die heutige Krise ist nicht aktuell, sondern symptomatisch. Nur hat sich der technologische Fortschritt extrem beschleunigt, was sich am Industriestandort niederschlägt. Anstatt das Ruder herumzureißen, endlich ins 21. Jahrhundert zu steuern, in ökologische Technologien, erneuerbare Energien und Speichertechnologien zu investieren sowie die Verkehrswende und die Wärmewende einzuleiten, sieht man die Zukunft in der Vergangenheit. Schauen wir uns dazu einmal das Jahr 1992 an. Der Wirtschaftsjournalist Günter Ogger veröffentlichte ein Buch, das für Aufsehen sorgte. „Nieten in Nadelstreifen“ ist eine Abrechnung mit einer faulen, innovationsfeindlichen und nur auf die eigene Macht und Pfründe schauenden Managerkaste, die von jeder Regierung gepampert wurde und deren Fehlentscheidungen Millionen von Arbeitsplätzen gekostet haben. Während sie mit Millionen abgefunden wurden und immer noch werden, droht den Beschäftigten der soziale Abstieg.
Die Deindustrialisierung ist ein Problem der Manager
In diesen Zeiten wird wieder darüber spekuliert, dass es Deutschland schlecht geht, die Regierung eine schlechte Politik macht und die Grünen in der Ampelkoalition unseren Wohlstand zerstört haben. Dabei kann man den Grünen allenfalls vorwerfen, dass sie handwerkliche Fehler gemacht haben, ihre Ideen und Gesetzesvorhaben in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der FDP und der SPD verwässert haben und sich immer wieder über den Tisch ziehen lassen haben.
Aber stimmt das überhaupt, ein Ausflug in die Historie?
In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass wir eine solche Situation schon einmal hatten. Bereits 1973 führten Energiekrise, Inflation und Krieg zu einer veritablen Krise. Auch damals gab es Multikrisen: Nach der Kohleindustrie strauchelte Ende der 1960er Jahre die Stahlindustrie. Betrachten wir, wie es damals zu einer echten Deindustrialisierung kam. Beginnen wir mit der Steinkohle, denn hier gab es einen Wandel in der Energieerzeugung und in der Beheizung von Wohnungen, der mit der heutigen Situation teilweise vergleichbar ist.
Kohle war das Heizmittel. Das änderte sich ab den 1950er Jahren rapide. Der Kohleofen verlor zunehmend an Bedeutung, da er arbeits- und platzintensiv war. Die Kellerräume dienten nämlich vor allem der Lagerung von Vorräten, Kohle und Kartoffeln. Noch heute erinnern Aufschriften auf Mülltonnen wie „Keine heiße Asche einfüllen” an diese Zeit. Kohle und Asche zu schleppen, war im Winter tägliche Arbeit. Wie entspannend war da die Ölheizung für Einfamilienhäuser und die Ölzentralheizung für Mietshäuser! Allerdings muss man auch die damit verbundenen Investitionen für die Mietshäuser bedenken. In den Altbauten jener Zeit gab es keine Heizungsrohre oder Heizkörper, da sich in Küche und Wohnzimmer Kohleöfen befanden. In den Neubauten der 1950er- und 1960er-Jahre wurden in der Regel Kamine eingebaut und die Anschlüsse und Leitungen für die Heizkörper installiert. Eine Ölheizung hatte damals die gleichen Kosten Dimensionen (es mussten nachträglich Heizungsrohre eingebaut und Heizkörper für alle Räume installiert werden) wie heute eine Wärmepumpe. Auch damals hatte diese Heizungsumstellung Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Industrie. Nur wer sich noch daran erinnert, wie es war, mit Kohle zu heizen, jeden Tag die Kohle aus dem Keller zu holen, den Ofen zu reinigen und die Asche zu entsorgen, und wie viel Dreck dabei anfiel, kann nachvollziehen, wie begeistert die Menschen von der Ölheizung waren, zumal das Öl auch noch billig war.
Mitte der 1950er Jahre wurden in rund 170 Bergwerken durch über 600.000 Arbeitnehmer/innen jährlich 150 Mio. t Steinkohle gewonnen. Im Jahr 2018 arbeiteten noch 1051 Bergleute unter Tage.
Für den Braunkohletagebau, und hier wird es besonders interessant, weil sich vor allem die Grünen zu Hassfiguren entwickelt haben, die mit dem Abbau von Arbeitsplätzen überhaupt nichts zu tun haben.
Bei der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten waren 1989 noch 156.731 Menschen im Braunkohletagebau beschäftigt. Bei der ersten Regierungsbeteiligung der Grünen 1998 waren es noch 26.242. 2005, als Merkel die Regierungsgeschäfte übernahm, waren es noch 23.299 und am Ende ihrer Amtszeit noch 17.948.


Wir sehen also, wie fatal Projektionen, die nicht der Realität, sondern einem Feindbild entsprechen, zu politischer Verwahrlosung führen können, wie wir es heute bei der AfD und ihren Anhängern erleben. Doch zurück ins Jahr 1973.
Nach der Kohle kam die Stahlindustrie in die Krise. Auch hier gab es massive Arbeitsplatzverluste. Dann kam der Nahostkonflikt hinzu. Wie heute beim Gas war man von Konfliktparteien abhängig, damals im Nahostkonflikt von der Arabischen Liga, heute war es Russland.
Insgesamt war der Übergang von den 1960er zu den 1970er Jahren von Krisen, Inflation, Strukturproblemen, Strukturwandel und Arbeitskämpfen geprägt. Was heute als Deindustrialisierung verunglimpft wird, hieß damals Strukturwandel.
https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/fuer-den-kurs-der-spd.html
Dann kam die Energiekrise und schlug mit voller Wucht zu.
„Guten Abend meine Damen und Herren. Vor den Auswirkungen der Energiekrise müssen nach einhelliger Auffassung des Bundestages vor allen Dingen die Arbeitsplätze gesichert werden.“
Die Tagesschau. Es könnte fast von heute sei
„Dieses Ziel, so betonte heute Bundeskanzler Brandt in einer Regierungserklärung vor dem Parlament in Bonn, müsse Vorrang vor dem privaten Komfort haben.“
https://www.deutschlandfunk.de/energiekrise-70er-jahre-oelkrise-opec-100.html
Dies klang natürlich etwas eloquenter als „Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung“ vom ehemaligen Ministerpräsidenten Winfrid Kretschmann.
„Hallo Sie“ – „Ja?“ – „Können Sie nicht mal die Dusche abstellen?“ Ein Werbespot damals im Fernsehen, der zum Energiesparen aufrief. „Müssen Sie eigentlich so lange duschen, das ist ja Energieverschwenden?“ „Was heißt verschwenden, die Miete muss ich sowieso bezahlen, das Geld für warmes Wasser ist da drin, Sparen lohnt sich einfach nicht.“ „So, meinen Sie?“
Die Politik handelte auch damals:
„Auch die autofreien Sonntage brannten sich in die Erinnerung vieler Deutscher ein: Spielende Kinder und Fahrräder auf den sonst viel befahrenen Autobahnen und Landstraßen. Es wurde ein Tempolimit verhängt und diskutiert über die Dauer von Weihnachtsbeleuchtung. Auf politischer Seite verabschiedete der Bundestag ein Energiesicherungsgesetz. Es gab der Regierung im Krisenfall weitreichende Eingriffsrechte in den Energiemarkt.“
https://www.deutschlandfunk.de/energiekrise-70er-jahre-oelkrise-opec-100.html
Wir sehen also an diesen kurzen Rückblicken in unsere Geschichte, und das sind gerade mal 50 Jahre, wir könnten also sarkastisch von einem Jubiläum der Energiekrise sprechen. Wieder leben wir in einer Multikrise, wieder haben wir Energie- und Inflationsprobleme, wieder leben wir in einem drastischen Strukturwandel und wieder erleben wir einen Krieg mit globalen Auswirkungen.
Es stellt sich also die entscheidende Frage: Was haben wir aus den damaligen Krisenjahren gelernt und welche Konsequenzen wurden gezogen? Nun auch die FAZ bemüht Willy Brandt noch einmal:
„Die Krise, an deren Anfang wir erst stehen, ist nicht zu verharmlosen. Die überwältigende Mehrheit unserer Bürger hat dies verstanden“ – diese Sätze könnten ganz aktuell sein. „Damit das Ganze nicht leidet, muss der Einzelne sich in seiner privaten Bequemlichkeit etwas einschränken. Größere Opfer werden nicht verlangt, jedenfalls nicht im Augenblick.“ Und: „Die junge Generation erlebt zum ersten Mal, was ein gewisser Mangel bedeuten kann.“und kommt zu dem Schluss„In der Ölkrise der siebziger Jahre hat sich Deutschland gut geschlagen. Historiker warnen aber: Das Land hat nichts daraus gelernt.„
Inflation: Deutschland hat aus aus der Ölkrise der 70er nichts gelernt (faz.net)
Jetzt stellen wir uns mal kurz vor, dass das, was Willy Brandt vor 50 Jahren gesagt hat, heute über die Lippen von Robert Habeck gekommen wäre. Das nur mal so als kleines Schmankerl.
Aber was viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang, was macht eigentlich die deutsche Wirtschaft und da kommen wir zu einem Thema, das wirklich nicht berauschend ist, denn die Politik und ihr Handeln ist das eine, aber die wahren Entscheidungsträger sitzen an ganz anderer Stelle, in den Zentralen der Wirtschaft, der Banken und der Konzerne. Und hier zeigt sich, woran Deutschland wirklich scheitert.
Nieten in Nadelstreifen und innovationsfeindliche Investitionskultur
Deutsche Manager lassen sich in einem Satz definieren. „Das haben wir schon immer so gemacht, das haben wir noch nie anders gemacht, das kann jeder.“ Deutschlands Abstieg ist nicht das Ergebnis einer kurzen Phase, sondern liegt im System des deutschen Managements begründet. 1992 kam das Buch Nieten in Nadelstreifen auf den Markt, eine knallharte Abrechnung mit dem deutschen Management.
„Sie werden bewundert und gelten als Garanten unseres Wohlstands. Sie haben Macht über Menschen, Maschinen, Moneten. Sie verdienen enorme Summen und verwöhnen sich mit Dienstwagen, Dienstvillen und anderen Extras. Das ging in Ordnung, solange ihre Leistung stimmte. Doch inzwischen mehren sich die Zweifel an den Fähigkeiten deutscher Manager: Die Gewinne der Unternehmen schrumpfen, wichtige Märkte gehen verloren und die Wettbewerbsfähigkeit läßt nach. Dieses Buch beweist: Deutschlands Manager haben versagt! »Hier schreibt kein Pamphletist mit Schaum vor dem Mund: Sachlich belegt Ogger jede Anklage mit Beispielen, durch akribische Presserecherche untermauert.«„
Capital 09/1992
Wer glaubt, das Buch habe etwas verändert, wird bitter enttäuscht. So die Süddeutsche Zeitung am 21. Mai 2010:
„Den Top-Managern wird ein katastrophales Zeugnis ausgestellt. Ausgerechnet bei genuinen Aufgaben einer Führungskraft – wie etwa der Entwicklung und Begleitung von Zielvereinbarungsprozessen – gibt es dramatische Defizite. „Eigentlich müssten die Gehälter der Chefs nach unten korrigiert werden“, sagt Geschäftsführer Gerhard Lux.“
Führungsprobleme – Nieten in Nadelstreifen – Karriere – SZ.de (sueddeutsche.de)
Das Buch von Ogger beginnt mit folgender Situationsbeschreibung aus dem Jahr 1992. Ich weise darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Helmut Kohl bereits seit 10 Jahren die Regierungsgeschäfte führt und die selbsternannte Wirtschaftspartei FDP an der Macht ist.
„Nach Untersuchungen führender Unternehmensberater sind in der deutschen Industrie zwei bis drei Millionen Arbeitsplätze gefährdet. Allein die Automobilbauer und ihre Zulieferer wollen ab 1992 rund 100.000 Stellen streichen, im Maschinenbau sind es etwa 150.000, in der Elektrobranche 120.000. Daimler-Benz plant bereits den Abbau seiner Belegschaft um 20.000, VW um 25.000, Opel um 11.000 und BMW um 3.000 Mitarbeiter. Die Hektik, mit der in der Automobilindustrie, bei den Kfz-Zulieferern und im Maschinenbau jetzt japanische Produktionsmethoden kopiert werden – die Stichworte heißen »lean production« und »lean management« –, ist in Wahrheit eine späte Bankrotterklärung des industriellen Managements. Die Herren der deutschen Wirtschaft haben die Entwicklung schlicht verschlafen. Erst eine Studie des amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT) brachte an den Tag, was zumindest die Bosse der deutschen Automobilhersteller längst hätten wissen müssen: Die japanischen Konkurrenten – und mittlerweile auch einige US-Werke – haben einen Kosten- und Produktivitäts -Vorsprung von rund 35 Prozent. Und das nicht, weil sie geringere Löhne zahlen oder benötigte Materialien billiger einkaufen, sondern weil sie ihre Fabriken intelligenter organisiert haben. Die Manager, und nicht die Arbeiter, sind in Japan einfach besser.“
Wer den folgenden Abschnitt liest, der könnten auf die Idee kommen wir haben es hier mit einer aktuellen Beschreibung der Probleme zu tun. Doch dies reiht sich eben nahtlos in das Innovationsversagens der deutschen Firmen ein.
„Die Zukunft wird verspielt
Die ganz auf Bequemlichkeit und Machterhalt ausgerichtete Politik des Industrie-Establishments ist dabei, die Zukunft unserer Volkswirtschaft zu verspielen. Deutschlands Manager haben bewiesen, daß sie, im Gegensatz zu den Japanern, unfähig sind, gemeinsam strategische Ziele anzusteuern. Fast ohne Gegenwehr überließen sie ausländischen Konkurrenten Schlüsseltechnologien wie die Mikroelektronik oder die Gentechnik. Ebenso vernachlässigten sie die wachstumsstärksten Märkte der Zukunft rund um den Pazifischen Ozean.
Für eine Nation, deren Wohlstand größtenteils auf der Nutzung der jeweils modernsten Technik beruht, ist der Rückfall deutscher Firmen in der Mikroelektronik und der verwandten Gebiete ein Desaster von verheerendem Ausmaß. Dabei handelt es sich eigentlich nicht um eine Technologielücke, sondern um ein Managementproblem.“
Unter Merkel hat sich diese Mentalität noch einmal massiv verstärkt. Unter diesem Motto hat Merkel ihre energiepolitischen Entscheidungen getroffen. Ihre energiepolitischen Prioritäten lagen eindeutig bei der Kernenergie und den fossilen Energieträgern. Sie beendete den mehr oder weniger erfolgreichen Atomausstieg der Vorgängerregierung, eröffnete damit erneut einen gesellschaftlichen Konflikt und stärkte die Atomlobby. Der Umbau der Energiewirtschaft weg von der Atomenergie hin zu erneuerbaren Energien wurde damit massiv torpediert. Kaum war der Atomausstieg beschlossen, änderte der Reaktorunfall in Fukushima die Situation erneut. Merkel steigt nun aus der Atomenergie aus und hinterlässt ein Chaos. Vielleicht ist das der Grund, warum sie trotz des Überfalls von Putins Russland auf die Ukraine 2014 (Schattenarmee auf der Krim) Deutschland 2015 in die totale Gasabhängigkeit von Russland getrieben hat. Für die deutsche Industrie hatte das den Nebeneffekt, dass sich die Manager keine Gedanken über Energieeinsparung machen mussten und fröhlich weiterwurstelten wie bisher. Außerdem konnte die CDU die neuen alternativen Energiequellen nach und nach abwürgen, um der fossilen Industrie ihre Willfährigkeit zu beweisen.
Da wo Merkel aufgehört hat, macht heute Merz und Reiche weiter!
„In der Regierungszeit Angela Merkels wurden rund 117.000 Arbeitsplätze vernichtet, um die Interessen der großen Energiekonzerne an der Kohle zu schützen.“
https://www.telepolis.de/news/Arbeitsplaetze-vernichtet-um-Klimaschutz-zu-verhindern-6180486.html
Doch zurück zu den deutschen Managern, auch wenn das Zusammenspiel der Inkompetenz von Managern und Politikern gerade in der Ära Merkel auf die Spitze getrieben wurde. Aber die Misere begann viel, viel früher. 1983 resümierte der amerikanische Industrieexperte Bruce Nussbaum in seinem Bestseller „The World after Oil“:
„daß die Deutschen zwar »die besten 19.-Jahrhundert-Produkte der Welt bauen würden«, aber bei modernen High-Tech-Erzeugnissen wie Computern, Mikrochips und intelligenter Software längst den Anschluß an die Weltspitze verloren hätten. Die Entwicklung der letzten Jahre gab Nussbaum recht, denn noch immer machen konventionelle Güter wie Autos, Motoren, Kraftwerke, Maschinen und Anlagen den Löwenanteil bei den Ausfuhren des »Exportweltmeisters« aus, während der deutsche Anteil an der Produktion von Spitzentechnologle deutlich abnahm.“
Nieten in Nadelstreifen – PDF Kostenfreier Download (docplayer.org) , Seite 43
heute sehen wir, dass sich in Deutschland nichts geändert hat. Ob im Bereich der E-Mobilität, der Digitalisierung, der Bildung oder bei der Diskussion um die Wärmepumpe. Ja, wir sind verliebt in unser grünes Tastentelefon, das das Telefon mit Wählscheibe abgelöst hat, aber dann bitte ist auch gut mit all den Veränderungen. Natürlich ist der letzte Satz Sarkasmus, aber schauen wir uns doch einmal die Geschichte der letzten Jahrzehnte, ja inzwischen müssen wir fast sagen der letzten 100 Jahre an. Da gab es einen Erfinder in Deutschland, der über 130 Patente angemeldet hat, die die Welt verändern sollten, aber eben nicht von Deutschland aus, sondern von Asien und Amerika aus. Sein Name war Rudolf Hell. Erinnern wir uns kurz, was ich oben zitiert habe, dass die Deutschen die besten 19.-Jahrhundert-Produkte der Welt bauen würden. Hell hatte die Idee, dass man ganze Seiten von A nach B senden konnte, ohne dass man, wie bei einem Fernschreiber üblich, alle Buchstaben wie bei einer Schreibmaschine eintippen musste. Mit seinem Apparat konnten Zeichnungen übertragen werden. Doch was passierte, als Hell seine Erfindung der Firma Siemens vorstellte, mit der er geschäftlich verbunden war? Nichts. Schließlich baute Siemens Fernschreiber und Zeichnungen ließen sich besser per Post oder Kurier verschicken. Wir wissen, was passierte, die Bildzeichen der Japaner konnte der Fernschreiber kaum verarbeiten. Mit dem Faxgerät war das kein Problem und so begann der Siegeszug des Faxgerätes aus Asien und das nun in Deutschland so nachhaltig, das och neh, es kommt mit der Digitalisierung nicht voran. Die Geschichte wiederholt sich, heute ist das FAX der Fernschreiber. Neben dem Fax hat Hell
„den Scanner und den Klischografen, eine Art Druckmaschine, mit der die Grundlagen für den digitalen Computersatz gelegt wurden. Nachhaltiger unternehmerischer Erfolg war dem deutschen Daniel Düsentrieb am Ende dennoch nicht beschieden.“1
https://www.spiegel.de/geschichte/exportweltmeister-fuer-ideen-a-947875.html
Ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2008 nennt zahlreiche Beispiele, vom Computer über den Hybridantrieb bis hin zum Walkman und der MP3-Technik. Der deutsche Erfindergeist ist überragend, die wirtschaftliche Verwertung katastrophal. Gerade als selbsternanntes Autoland ist es mehr als peinlich, dass der Hybridantrieb 1973 an der RWTH Aachen entwickelt wurde, aber Toyota weltweit zum Hersteller der Hybridtechnologie macht. Zurück zu unseren Nieten in Nadelstreifen. An der Verweigerungshaltung der Automanager hat sich bis heute nichts geändert, wenn man sieht, wie lange sie sich der E-Mobilität verweigert haben. Nicht aus eigener Einsicht, sondern unter dem Druck des Marktes, des chinesischen Marktes. Dennoch wollen die deutschen Autobauer nicht aufhören, wie Don Quichote gegen die Gesetze des Marktes zu reiten und wurden dabei von der selbsternannten Marktpartei FDP unterstützt.
Besonders unsympathisch macht unsere Führungskräfte ihre wachsende Kriminalisierung. Natürlich war die Versuchung, die vom Gesetz gezogenen Grenzlinien zu überschreiten, für Unternehmer und Manager schon immer recht groß. Und es ist auch klar, daß eine Wettbewerbsgesellschaft wie die unsere ein guter Nährboden für Wirtschaftskriminalität sein muß. Doch die Zunahme der in den Führungsetagen begangenen Delikte wird allmählich besorgniserregend. 1991 wurden allein 21.412 Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen die Umweltschutzbestimmungen aufgenommen – viermal soviel wie 1980. Es scheint, als ob die deutschen Manager in ihrem Drang, möglichst schnell nach oben zu kommen, immer weniger Hemmungen zeigen, die Grenzlinie zwischen erlaubt und unerlaubt zu überschreiten. »Der Moralverfall, der in der Managerkaste zu verzeichnen ist«, schreibt Der Spiegel, »findet seine Entsprechung in den Niederungen der Gesellschaft.« Die Soziologenerkenntnis, daß die Korruption mit wachsendem Wohlstand abnimmt, wird in diesen Zeiten durch die entwickelten Industriestaaten widerlegt. Mit anschwellendem Reichtum, so mussen wir lernen, nimmt die Begehrlichkeit zu.
Nieten in Nadelstreifen – PDF Kostenfreier Download (docplayer.org) , Seite 46
Am 18. September 2015 explodierte das Image der deutschen Autobauer, als Vorreiter von abgasarmen Autos.
„VW hatte zuvor, zur Förderung des Verkaufs und Erhöhung des Marktanteils von dieselbetriebenen Autos in den USA, gerade diese Fahrzeuggeneration in großen Werbekampagnen als besonders saubere „Clean-Diesel“ beworben.“
„Volkswagen behauptete gegenüber US-Behörden, die festgestellten Diskrepanzen, insbesondere die der Stickoxidwerte, würden auf einem Softwarefehler basieren und rief im Dezember 2014 die fast 500.000 betroffenen Fahrzeuge zurück, um eine neue Software einzuspielen. Das CARB überprüfte die modifizierten Fahrzeuge unter Realbedingungen und konnte keine Verbesserung bei den Stickoxidwerten feststellen.[43]Als die Behörden damit drohten, bei Nichtaufklärung der Diskrepanz den 2016er Modellen die Zulassungzu verweigern, gab Volkswagen am 3. September 2015 den Betrug zu.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Abgasskandal
Gerade die Automobilindustrie ist eine Geschichte des Betrugs am deutschen Autofahrer und seinem Fetisch. So wurden asbesthaltige Bremsbeläge in Deutschland weiter verkauft, obwohl sie für den Export verboten waren. Auch der Katalysator war für den Export schon Standard, nur in Deutschland dauerte es, bis er nach Heulen und Zähneklappern auch Standard wurde. Und heute das Elektroauto.
Ich könnte jetzt weiter und weiter schreiben. Moderne Technologien haben es schwer in Deutschland. Wenn sich deutsche Manager etwas in den Kopf gesetzt haben, dann finden sie auch Wasserträger in der Politik, die ihnen folgen. Dann werden Kampfbegriffe erfunden, die dann systematisch vermarktet werden. So eine inhaltsleere Worthülse hat gerade in Deutschland wieder zu einem Desaster geführt: Technologieoffenheit. Was bedeutet dieses Wort, jetzt? Verbrennerautos, Öl- und Gasheizungen und der Traum der Industrie vom Atomausstieg. Also das, was wir am besten können, die besten Produkte des 19. Jahrhunderts auf der Welt zu bauen.
Die deutsche Wirtschaft ist ein Jammerverein
Manchmal glaube ich wirklich, die deutschen Manager haben irgendwo ein Tonband, das sie immer rausholen, wenn die See stürmisch wird. Machen wir den Test.
Am 01.08.2023 erklärte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger in der SZ:
„Handwerkspräsident Dittrich sagte, den meisten Betrieben gehe es aktuell noch gut. „Allerdings ist die Stimmung schlecht – sogar bei denen, die wirtschaftlich gut dastehen. Die Kostenschübe durch höhere Materialkosten, Inflation, Lohnsteigerungen und vor allem durch weiter steigende Sozialabgaben sind gewaltig.“ Darunter leide die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und ihre Zukunftsperspektiven gerieten unter Druck. „Die Transformation wird nur leistbar sein, wenn es weiter ausreichend zahlungsfähige Handwerksbetriebe gibt.““
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/industrie-wirtschaft-in-sorge-deutschland-auf-der-verliererstrasse-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-230801-99-635154
In diesem Sinne äußerte sich am 22.08.2023 der Präsident von Gesamtmetall, Stefan Wolf, in einem Interview mit T-Online:
„Deutschland hat gleich mehrere Krankheiten. Es fängt an bei den teuren Energiepreisen, geht weiter bei der Bürokratie und den ewig langen Genehmigungsverfahren und endet mit den hohen Lohn- und Lohnnebenkosten sowie der Unternehmenssteuer. In der Summe macht das Deutschland als Standort unattraktiv. Kein Wunder, dass der Internationale Währungsfonds uns als einzigem großem Industrieland einen Abschwung prognostiziert.“
“Menschen müssen länger arbeiten”: Deutsche Wirtschaft vor Rezession (t-online.de)
Und was sagte die Wirtschaft in den 1990er Jahren?
Wenn etwa Heinrich Weiss, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, lamentiert: »Unsere Wettbewerbsfähigkeit ist in Gefahr, und als Investitionsstandort sind wir heute schon weitgehend konkurrenzunfähig«
Nieten in Nadelstreifen – PDF Kostenfreier Download (docplayer.org) Seite 42
Und weil so ein Präsident nichts anderes zu sagen hat, wiederholt er es immer wieder, egal wer politisch das Sagen hat. Hier noch eine Kostprobe vom 08.09.2015, gleicher Herr, gleiche Aussage:
„Der Aufsichtsratschef der SMS group und ehemalige BDI-Präsident Dr. Heinrich Weiss geht mit der deutschen Wirtschaftspolitik der letzten zehn Jahre hart ins Gericht. „Dass wir uns noch so gut entwickelt haben, liegt nur daran, dass die Unternehmen, Arbeitnehmer und Ingenieure tüchtig sind. Nicht wegen, sondern trotz der Politik.“ Seit der Agenda-Politik von Gerhard Schröder, so Heinrich Weiss im Interview in Die Deutsche Wirtschaft TV, stünde die Politik auf der Bremse. „Wir haben seit Jahren eine Regierung, die praktisch keine Reformen mehr macht. Frau Merkel hat Anfang des Jahrhunderts noch von Reformen gesprochen und war kämpferisch. Das ist alles verschwunden“, so Weiss.
Das Land befände sich in einer „Wohlstandsdegeneration“. Die Mehrheit der Bürger sei nicht bereit, Unbequemlichkeiten, die zur Zukunftssicherung nötig sind, auf sich zu nehmen. Die Politik passe sich dem Trend an und regiere nur nach Umfragen, statt danach zu fragen, wo Deutschland in fünf oder zehn Jahren stehe. „Ich finde das überaus verantwortungslos der nächsten Generation gegenüber. Denn den Lebensstandard, für den wir uns heute rühmen, wird die nächste und übernächste Generation nicht mehr haben“, so Weiss.“
https://die-deutsche-wirtschaft.de/die-politik-agiert-verantwortungslos/
Es geht aber auch noch früher, nehmen wir das Jahr 1912:
In den nächsten beiden Kapiteln beklagt er die detaillierte Neugier der
Fabrikinspektoren, die die Arbeiter sogar fragen, ob sie vor Arbeitsbeginn
gefrühstückt haben. Er protestiert gegen den „Tintenfluss“ , der aus den vom
Fabrikanten geforderten Aushängen, Listen und Statistiken resultiert, der die
gesetzlichen Vorschriften in seiner Fabrik aushängen muss und damit „eine
indirekte Kontrolle durch die Arbeiter selbst. “ Er muss ferner, wenn Sonntags- oder Überstundenarbeit erforderlich ist, eine Liste der so beschäftigten
Arbeiter und die jeweilige Stundenzahl vorlegen. Dies sind nur Beispiele. Die
Vorschriften für die Sonntagsarbeit mit ihren Ausnahmen, Ausnahmen von
Ausnahmen und Ausnahmen von diesen sind ärgerlich umfangreich. Die
gesetzliche Regelung der Pausen (wenn die Arbeitszeit mehr als acht Stunden
beträgt) ist in der Eisen- und Stahlindustrie besonders unpraktisch. Eine
schematische Aufteilung von Arbeit und Pausen ist in großen Industriezweigen
nicht durchführbar ….
https://kassandras-erben.de/wp-content/uploads/2026/06/Gannett-Bernhardsunerwnschtefolgen-1914-de-DE.pdf Seite 562f
Unfassbar in diesem Zusammenhang ist, dass die Misere der deutschen Wirtschaft nie an der deutschen Wirtschaft lag, ob jetzt in den 70ern, den 80ern, den 90ern, den 2000ern, es war immer die Politik, ob CDU, FDP, SPD in den verschiedenen Koalitionen und Mischungen. Diese Ignoranz wird nur noch dadurch getoppt, dass man heute die Grünen für alles seit 1945 verantwortlich macht. Warum wir trotzdem Exportweltmeister sind, ist eines der Wunder, die wohl nie erklärt werden können.
Wenn ein Arzt einen Fehler macht, sagt der Volksmund, wächst Gras über die Sache, wenn Manager Fehler machen, werden sie in der Regel noch mächtiger. Auch hier gäbe es unzählige Beispiele. Da ich selbst meine Ausbildung bei den Mannesmann-Röhrenwerken absolviert habe und 1978 gegen Betriebsstilltungen gekämpft habe, möchte ich zum Schluss noch zwei Beispiele anführen:
Nicht viel besser erging es dem obersten Mann von Mannesmann. Werner H. Dieter, ein autokratischer und machtbesessener Manager, liftete mit teuren Zukäufen (unter anderem Fichtel & Sachs, Boge, VDO) zwar den Umsatz des einstigen Röhrenkonzerns auf zuletzt beachtliche 24 Milliarden Mark hoch, doch der Gewinn halbierte sich. Sein Vorstoß in die Branche der Autozulieferer erfolgte just in dem Moment, da hier heftige Preiskämpfe die Margen wegbrechen ließen. Und auch der Aufbau eines Mobilfunknetzes (D2) erwies sich bisher lediglich als höchst kostspieliges Abenteuer mit ungewisser Zukunft.
Nieten in Nadelstreifen – PDF Kostenfreier Download (docplayer.org) Seite 5
Mannesmann gibt es nicht mehr. Aber die Fehler der Manager werden heute immer wieder gemacht. Erinnern wir uns? Monsanto, einer der skrupellosesten Chemiekonzerne der Welt, der sich besonders bei der Vergiftung von Ackerböden und Menschen einen Namen gemacht hat und wo Milliardenprozesse geführt werden. Welches deutsche Unternehmen hat sich diesen Klotz ans Bein gebunden? Richtig, der Chemie- und Pharmakonzern Bayer. Heute bekommen wir keine Husten- und Fiebersäfte für Kinder, lebenswichtige Medikamente sind nicht auf dem Markt, aber Bayer hat sich Monsanto geleistet. Das Desaster, das bis heute andauert, ist für Bayer nur erträglich, weil sie die EU im Sack haben. Die Süddeutsche Zeitung hat das ganze Desaster 2019 chronologisch zusammengefasst.
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bayer-monsanto-zusammenfassung-1.4419987
Also ziehen wir eine Bilanz:
Seit dem Erscheinen des Buches von Günter Ogger hat sich in Deutschland nichts geändert. Wird es auf dem ökonomischen Weltozean etwas stürmisch, heulen die Schönwetterkapitäne der Industrie nach dem Staat, nach dem alten Motto: Gewinne privatisieren, unternehmerisches Scheitern sozialisieren. Es ist diese Vollversorgungsmentalität der Wirtschaft die uns schadet.
- Die Wettbewerbsfähigkeit schwindet
- Die Zukunft wird verspielt
- Der soziale Friede wird gestört
Erschreckend ist, dass diese Kaste immer wieder damit durchkommt. Nun, sie wird von den Springermedien geschützt und hat jetzt mit der AfD auch noch ein Tröthorn dazu bekommen, das unreflektiert alles herbeischreit, was vorgegeben wird, vom E-Auto bis zur Wärmepumpe. Was überall in Europa funktioniert, funktioniert in Deutschland nicht.
Mit Katherina Reiche wird das nun auf die Spitze getrieben. Günter Oggers Buch beginnt im Jahr 1992, heute schreiben wir das Jahr 2026 – wir haben in 34 Jahren nichts dazugelernt. Ogger beschreibt das Ergebnis der Wirtschaftspolitik von Kohl. 1998 kam Schröder, doch dann folgten 16 Jahre Merkel.
Robert Habeck hat in der Ampelregierung das Ruder herumgerissen. Doch er wurde von der CDU/CSU, der Springerpresse, Apollo News und NIUS gnadenlos kaputtgemacht.
Es ist diese Managerkaste, die sich an alte Technologien klammert – eine reaktionäre politische Klicke, die meint, eine einmal erfolgreiche Vergangenheit bewahren zu müssen.
Mit ihrem Kurs arbeiten Friedrich Merz und Katherina Reiche nun an der Deindustrialisierung Deutschlands. Wie Bruce Nussbaum schon 1983 sagte, würden wir Deutschen »die besten 19.-Jahrhundert-Produkte der Welt bauen«, aber bei modernen High-Tech-Erzeugnissen wie Computern, Mikrochips und intelligenter Software längst den Anschluss an die Weltspitze verloren haben.“ So können wir heute, 43 Jahre später, noch hinzufügen: Solarenergie, Windenergie, E-Mobilität, Wärmepumpen etc., Technologien in denen wir mal Technologieführer waren.
Diese Texte können von allen benutzt werden, sofern der Autor, die Homepage und die Internetadresse, wo der Artikel zu finden ist, genannt werden.
Quellen
https://www.derstandard.at/story/3000000182105/so-ver228ndert-das-e-auto-europa
https://docplayer.org/111757065-Nieten-in-nadelstreifen.html

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