Wie war das noch mit dem Krug? Ach ja, er geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Wir haben schon immer vor dem Verkehrsinfarkt gewarnt. Eine Umstellung vom Individualverkehr auf einen massentauglichen ÖPNV, wie er in der Schweiz funktioniert, ist eben eine lange und vor allem kontinuierliche Aufgabe. Doch Deutschland hat immer auf den Individualverkehr gesetzt und sein ganzes ökonomisches Wohlergehen in die Automobilindustrie investiert. Nun treffen alle Fehler der Vergangenheit an einem Kulminationspunkt aufeinander, erreichen die kritische Masse und explodieren. Individueller Massentourismus oder individueller Massenverkehr – eigentlich sind das Wortspiele, die sich gegenseitig ausschließen – treffen auf immer größer werdende Widerstände. Der Krug ist löchrig, hat Risse und hält kaum noch zusammen. Die Lemmingskultur bricht zusammen, dem Zeitalter der Ichlinge droht die Götterdämmerung.
Doch gerade an Engpässen wie dem Brenner zeigt sich, dass Infrastrukturpolitik nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Frage ist. Solange die Straße als selbstverständlich gilt und die Schiene nur als Alternative, wird sich wenig ändern.
https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101274092/brenner-nach-italien-vollsperrung-entlarvt-verkehrsinfarkt-in-europa.html
Auch der Individualverkehr steht zur Debatte. Vielleicht ist die Vorstellung, dass halb Europa gleichzeitig ins verlängerte Wochenende aufbricht, weniger Ausdruck von Freiheit als von Gewohnheit. Intelligente Steuerungssysteme, flexible Mautmodelle oder zeitlich gestaffelte Nutzung wie in manchen Metropolen könnten helfen, Staus zu entzerren.
1982 habe ich folgendes geschrieben:
https://kassandras-erben.de/wp-content/uploads/2026/04/Die-Oekosozialistsiche-Gesellschaft-eine-konkrete-Utopie.pdf
Das Auto ist eines der besten Beispiele, wie individuelle Freiheit durch Vermassung des Produktes zur kollektiven Sklaverei wie Menschen durch Güter abhängig werden, wie Güter eine ganze Gesellschaft beeinflussen, dass das Denken und planen für diese Güter die Menschlichkeit am Seite – 55 – Rande stehen lässt. Die Perversion des Denkens wird dadurch deutlich, dass nicht die kindgerechte Stadt geplant wird, sondern die autogerechte Stadt. Im Auto finden wir ein Gut, welches, wenn nur einer kleinen Schicht zur Verfügung stehend, dieser einen zusätzlichen Komfort, mehr Beweglichkeit und Zeitersparnis bringt. Das Auto als Freiheitssymbol, so wie es auch heute noch angeboten wird. Doch je mehr Menschen sich diesen Luxus leisten können, sich individuelle fortzubewegen um so mehr verliert das Auto seine Vorzüge, die es einer vormals privilegierten Klasse geboten hat. Je mehr Menschen ein Auto fahren, umso wenig er wird Zeit gespart. Die Beweglichkeit wird eingeschränkt und der Komfort verliert seinen Glanz im Stau bei 30° C im Sommer. Der Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger“ der gegen ein Tempolimit ausgedacht wurde, nimmt die Welt der Werbung als Realität und der Autofahrer wehrt sich eminent gegen ein Tempolimit, obwohl er die Höchstgeschwindigkeit niemals ganz ausfahren kann. Dies kann sich nur jener leisten, der auf der Autobahn fahren kann, wenn alle anderen Autos auf den Parkplätzen der Fabriken stehen. Die Masse der Autofahrer hat diese Möglichkeit nicht, sie muss, sich mit Staus etc. herumplagen. Die Privilegierten steigen auf andere Verkehrssysteme um, wie Flugzeug oder Intercity mit Leihwagen. Die Transportsysteme werden zur Klassenfrage bei der die Masse immer unterliegt, wenn sie die individuelle Nutzung von Privilegierten nachahmt. Die Lösung liegt darin, diesen unlösbaren Widerspruch als Gegebenheit zu akzeptieren und Verkehrssysteme bzw. Infrastrukturen aufzubauen, die für die Masse konzipiert sind. Da solche Konzeptionen allerdings nie richtig verwirklicht werden und sich die Technokraten für die massenhafte Individuallösung entschieden, wurde der Einzelne zum Sklaven seines Gefährtes.
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Die kleine Nebenbemerkung „Der Komfort verliert seinen Glanz im Stau bei 30 °C im Sommer“ ist übrigens ein Hinweis darauf, was wir in den 1980er Jahren als „heiß“ bezeichnet haben. Heute sprechen wir von Temperaturen, die die 40-Grad-Marke erreichen. Das Argument „früher nannten wir das Sommer“ trifft es also nicht.
Fazit: Das Trojanische Pferd des Individualverkehrs war eben sehr verführerisch. Es war das Symbol der individuellen Freiheit. Also zog man es durch die weit geöffneten Tore der Gesellschaft. Alle Warnungen wurden verworfen, verlacht oder als Spinnerei abgetan.
Verkehrsinfrastrukturen, die in der Zeit der Industriellen Revolution aufgebaut wurden, um Massen von A nach B zu bringen, weil das Auto eben ein Luxusgut war, wurden zerstört, um Platz für ein neues trojanisches Pferd namens Individualverkehr zu schaffen.
Nun legen wir Beipass an Beipass, um dem Infarkt zu entkommen – ein Unterfangen, das nicht wirken wird und nie gewirkt hat.

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